Reingelesen!

Zum Reinschnuppern hier der Textauszug meiner ersten Lesung:

 

„Ich dachte …, also es hörte sich gestern so an, als würden die Maschinen mit AEther betrieben”, sagte Gregory.

„Nicht DIESE Maschinen. Komm mit, ich zeige dir, was du sehen willst.” Kendrick zwinkerte ihm verschwörerisch zu und schritt durch den gesamten Maschinenraum weiter Richtung Heck, bis sie vor einer schmalen Tür standen. Kendrick drehte an zwei Ventilen und einem Drehkreuz, dann ging die Tür auf. Dahinter befand sich jedoch lediglich ein winziger, leerer Raum, mit noch einer weiteren schmalen Tür, die ebensolche Ventile enthielt. Kendrick schob den Jungen vor sich her in die kleine Kammer zwischen den Türen, zwängte sich dazu und schloss die Tür wieder. Ein saugendes Geräusch war zu hören und dann ein längeres Zischen.

„Das ist eine Druckschleuse. Zur Sicherheit, falls …” er sprach nicht weiter.

Gregory fasste sich an die Ohren. „Au!”

„Du hast Ohrendruck. Mach dir keine Sorgen, das ist nur etwas unangenehm, geht aber wieder weg. Die Schleuse ist wichtig, um im hinteren Raum einen hohen Luftdruck aufrecht zu erhalten. Wegen des AEthers.”

Gregory hörte Kendrick nur noch wie durch Watte. Obwohl er ganz dicht neben ihm stand, hörte sich die Stimme entfernt und dumpf an. Das Zischen hörte auf, ein Rattern setzte ein und die Tür ging auf.

Dieser Raum war sehr viel kleiner als die beiden zuvor besichtigten, aber dafür um einiges interessanter, was eindeutig an den riesigen AEthertanks lag, die Gregory sofort erblickte. In mehreren Glaszylindern, die vom Boden bis zur Decke reichten, befand sich die grüne Flüssigkeit. Es sah unheimlich aus, denn sie bewegte sich in den Zylindern. In hunderten Strömen wickelte sie sich um sich selbst. Mal wurde das Grün heller, leuchtete nahezu, während andere Ströme dunkler waren. Mit großen Augen bewunderte Gregory das Schauspiel. Als er näher ging, entdeckte er, dass das Glas mehrere Zentimeter dick war. So etwas hatte er noch nie gesehen.

Er versank regelrecht in der Betrachtung der Bewegungen hinter dem Glas, so wunderschön sah es aus. Nur widerwillig löste er den Blick von den gläsernen Tanks, als Kendrick ihn sanft anfasste und ihn herumdrehte.

„Alles in Ordnung, Gregory?” Sein Tonfall klang besorgt. „Das da drin ist absolut reiner, raffinierter AEther, der unter Hochdruck flüssig und komprimiert gehalten wird. Über die Rohre da oben …”, er deutete mit dem Zeigefinger hoch und Gregory hob instinktiv den Kopf, „… wird der AEther in die Zylinder geleitet. Durch den Niederdruck breitet er sich explosionsartig aus und bewegt die Kolben. Schneller, als es Wasserdampf je könnte. Die Energie ist unglaublich. Wir sind uns nicht mal sicher, ob die mechanischen Bauteile dieses Tempo durchhalten werden. Es ist eigentlich nur ein Experiment. Aber wenn es funktioniert …”, Kendricks Augen leuchteten vor Begeisterung, „wenn es funktioniert, dann wird das hier das schnellste Schiff auf Gottes Erden sein. Es wird quasi über das Wasser fliegen.”

Wahrscheinlich übertrieb Kendrick gnadenlos. Wenn Gregory sich diesen Raum besah, hielt er es jedoch durchaus für möglich. Hatten ihn im Vorraum schon die vielen Ventile, Anzeigen und Leitungen verwirrt, machten sie ihn hier sprachlos. Es waren keine so wuchtigen Stahlrohre, sondern eher filigrane Kupferrohre, wovon jedes einzelne mit Anzeigen versehen war. Auch an der Maschine selbst befanden sich zahllose Schalter und Drehventile.

Gregory hatte Kendrick eine solche Arbeit nicht wirklich zugetraut. Aber hinter der rauen Fassade schien ein beeindruckender Mann zu stecken. Und dieser Mann öffnete nun wieder die Schleusentür.

„Wenn du willst, öffne ich im Maschinenraum einen Zylinder für dich. Dann kannst du mal sehen, wie das von Innen aussieht.”

Gregory folgte ihm in die Schleuse. Dicht aneinandergedrückt warteten sie, dass der Druckausgleich erfolgte und die andere Tür sich öffnete, um sie freizugeben. Obwohl er sicher war, dass er nie wieder etwas so Phantastisches und Wunderschönes wie diese AEthertanks sehen würde, nickte Gregory und versuchte, begeistert zu wirken.

Immer noch mit einem leichten Druck auf den Ohren verließ er vor Kendrick die Kammer. Vom anderen Ende des Raumes kam ein schmaler, untersetzter Mann auf sie zu gerannt, dessen blauer Overall ihn als Werftarbeiter auswies. Er fuchtelte mit den Händen aufgeregt in der Luft herum. „Melvin!”

Kendrick hatte sofort einen ernsten Gesichtsausdruck angenommen. „Ist was passiert?”

„Maverick ist beim Nieten der Hammer weggerutscht. Wir brauchen Hilfe.”

Ein bedeutungsvoller Blick wurde ausgetauscht. ‚Keine Details vor dem Jungen’, stand in Kendricks Augen, während der andere Mann über seine Mimik und Körperhaltung den Ernst der Lage klar verdeutlichte.

„Ich komme sofort.” Er griff Gregory hart an die Schulter und bückte sich zu ihm herunter. „Hör zu. Ich muss mich da um was kümmern. Du wartest bitte hier. Genau hier. Du rührst dich nicht vom Fleck und du fasst nichts an. Verstanden?”

Erschrocken nickte Gregory und blieb stocksteif stehen, als die beiden Männer hinauseilten. Die Erinnerung an den Hünen mit den kräftigen Pranken war noch so frisch, dass er gut und gern glaubte, dass dieser Mann mit einem Hammer Verheerendes anrichten konnte.

Minuten verstrichen, aber Gregory blieb haargenau da stehen, wo Kendrick ihn stehengelassen hatte. In seinem Kopf kreiste zwar die Überlegung, sich selbst auf die Suche nach dem Ausgang zu machen, aber die Angst, sich dabei zu verlaufen, saß zu tief. Kendrick würde ihn sicher gleich holen, oder jemanden schicken. Immer nervöser trat er von einem Fuß auf den anderen. Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Während seine Augen gedankenverloren dem Verlauf der vielen Rohre folgten, stellte er sich vor, wie die Kolben donnernd den Propeller antreiben würden, träumte davon, auf der Jungfernfahrt dabei sein zu dürfen und gemeinsam mit Hunter und seinem Vater das blaue Band zu gewinnen. Sein Vater … schuldbewußt zuckte Gregory zusammen. Seine eben noch von lebendigen Tagträumen getragene Euphorie verpuffte. Er hoffte es zwar, glaubte aber nicht wirklich daran, dass dieser Ausflug geheim bleiben würde. Vielleicht sollte er sich schon jetzt die eine oder andere gute Ausrede überlegen, um dem mit Sicherheit drohendem Zimmerarrest zu entkommen? So sehr er sich auch anstrengte, ihm fielen keine Argumente ein, die vor seinem Vater Bestand haben würden. Schließlich zuckte er mit den Schultern. Zwar fürchtete er die Standpauke seines Vaters, aber am Ende war dieses Erlebnis einige Tage Hausarrest durchaus wert.

Er sah sich auf der Suche nach einer Uhr im Kesselraum um. Wie lange stand er schon hier herum? War es vielleicht sogar schon eine Stunde, die er hier herumstand? War er vergessen wurden? Das Herz in seiner Brust begann penetrant hart zu klopfen. Er konnte nicht aufhören, die offenstehende Tür zum Kesselraum anzustarren. Schritt für Schritt … er könnte doch wenigstens bis dahin gehen und dann weitersehen? Gregory ging zögerlich vorwärts.

Ein durchdringendes Sirenenheulen ließ ihn zusammenzucken. Gregory zählte sofort eins und eins zusammen: die Tatsache, dass die Werft bei AEthergefahr evakuiert wird, die nervösen Blicke von Hunter auf sein Barometer und die im steten Rhythmus aufheulende Sirene … DAS hier war ein AEtheralarm. Die Werft wurde evakuiert.

Gregory rannte kopflos in Richtung Kesselraum, durch diesen hindurch, bog um eine Ecke und sprintete die erstbeste Treppe hoch, die er sah. Hauptsache nach oben. Er musste aus dem Schiffsrumpf heraus. Einen langen Flur und zwei Treppen weiter stand er in einer Sackgasse. Panik kochte in ihm hoch. Mehrere Stufen auf einmal nehmend, kehrte er um. In der Hoffnung, dass ihn vielleicht doch jemand suchte, eilte er zum Kesselraum zurück.

So langsam bekam er ernsthaft Angst und begann, um Hilfe zu rufen. Erst verhalten, dann lauter und hysterischer. An der Tür zum Kesselraum blieb er stehen, klammerte sich an der Tür fest und schrie weiter um Hilfe, aber die Sirene, die mittlerweile in kürzeren Intervallen tönte, konnte er niemals übertönen.

Wie konnte Kendrick ihn hier vergessen? Wo war Hunter? Wieso war er, ein vierzehnjähriger Junge hier mutterseelenallein im tiefsten Inneren eines Schiffes? Das konnte nicht sein. Das durfte doch nicht sein. Das war so nicht richtig. Sein Hals tat vom Schreien weh und er hörte auf. Die Sirene hörte nicht auf. Es kam ihm immer schriller und gefährlicher vor. Was, wenn AEther hier in das Schiff eindrang? Ein Geistesblitz durchzuckte ihn und er drehte sich auf dem Absatz herum, fixierte den Durchgang zum Maschinenraum. Er rannte los. Wenn er irgendwo in Sicherheit war, dann in der Druckkammer. Nur Sekunden später stand er schnaufend und mit rotem Kopf vor der Schleusentür. An welchen Ventilen hatte Kendrick gedreht? ‚Du musst dich beruhigen’, sagte er zu sich selbst und konzentrierte sich auf seine Erinnerung.

Rechts das kleine rote Rad drehen. Dann an der Kurbel links. Als letztes das große Kreuz. Die Tür schwang tatsächlich auf! Schnell zog er sie hinter sich wieder zu und sackte erleichtert gegen die Wand. Hier war er sicher, bis die Gefahr vorüber war und ihn jemand fand.

Sein Vater würde sie alle feuern, wenn er ihm erzählte, wie sie ihn hier unten im Stich gelassen hatten. Er schlug mit dem Kopf gegen die Wand, als ihm einfiel, dass ausgerechnet sein Vater davon niemals etwas erfahren dürfte. Frustriert ließ er sich auf den Boden sinken, nur um einen Wimpernschlag später aufzuspringen, als das Zischen der Druckkammer einsetzte. Aber das wollte er doch gar nicht! Er hatte hier nichts angefasst. Arbeitete die Druckschleuse automatisch? Er entdeckte neben der Tür eine Druckanzeige, die langsam, aber beständig anstieg. Der Zeiger stoppte, als auch der Druck auf seinen Ohren wieder da war. Ein mechanisches Rattern folgte und die Tür zum AEtherantrieb stand offen. Gregory ging hinein.

Warum auch nicht? Waren zwei luftdichte Türen nicht sicherer als eine? Im festen Glauben, das einzig Vernünftige zu tun, drückte er die Tür hinter sich zu. Das war doch eine sehr erwachsene Entscheidung?! Er hatte sich selbst in Sicherheit gebracht.

Lag es am Druck in seinen Ohren, oder an der Kammer, dass er die Sirene nicht hören konnte? Oder war der Alarm vorbei? Egal, hier würde er warten. Wenn die Gefahr vorbei war, würden sie ihn schon suchen. Und finden. Natürlich. Das Schiff war zwar groß, aber die anderen kannten sich schließlich aus und würden ihn entdecken. Sein Blick blieb am Tank vor ihm hängen. Die Flüssigkeit bewegte sich deutlich schneller als vorhin. Gregory ging darauf zu, bis er mit der Nasenspitze fast das Glas berührte.

Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, hob er die Arme und legte beide Handflächen an die Rundung. ‚Wie es sich wohl anfühlt?’, kreiste es durch seinen Kopf. Die verschiedenen Ströme kreisten auch. Immer schneller. Ein Wirbel bildete sich genau vor seinem Gesicht. Irgendwas in ihm schürte den Wunsch, den AEther zu berühren. Woher kam das Rauschen in seinen Ohren? Er hatte das Gefühl, vom Boden abzuheben. Federleicht schien er zu sein und gleichzeitig spürte er, dass er fester am Glas klebte.

Der AEther wollte zu ihm. Ganz kurz nur kehrte Gregorys Verstand zurück. Das mussten Halluzinationen sein, ausgelöst durch die Angst. Er hatte wenig geschlafen, wenig gefrühstückt und noch weniger getrunken.

Er blinzelte und versuchte, sich vom Glaszylinder zu lösen. Aber seine Hände gehorchten ihm nicht. Er sah seine rechte Hand an, die sich plötzlich wie ein Fremdkörper anfühlte. Und dieser Fremdkörper glitt über das Glas nach unten. Gregorys restlicher Körper folgte der Bewegung unweigerlich. Er bückte sich und der grün leuchtende Wirbel hinter dem dicken Glas folgte ihm. Vertieft in diesen faszinierenden Anblick, bemerkte er nicht einmal, dass seine rechte Hand den Sockel abtastete und schließlich einen Hebel fand.

Ein leises Klack ertönte und der Hebel war hochgedrückt. Aus dem Augenwinkel sah er, wie einzelne Anzeigen in Bewegung gerieten. Die Zeiger schlugen heftig aus. Was auch immer das zu bedeuten hatte, spielte keine Rolle für ihn. Aus einem tiefen Winkel seines Gehirns, der noch klar bei Verstand war, schrillte eine Warnung, aber sie verhallte ungehört.

Er wollte zum AEther. Mit jeder Faser seines Körpers. Nichts auf dieser Welt wünschte er sich mehr. Und der AEther wollte zu ihm. Nur noch drei dieser kleinen Hebel und der Tank wäre geöffnet. Als er den zweiten Verschluss umlegte, ruckten alle Zeiger auf Rot. Gregory sah es, aber es schien so vollkommen unwichtig. Wichtig war nur der AEther. Er gehörte nicht in dieses gläserne Gefängnis. Er musste ihn befreien! Hebel Nummer drei klackte und durch die losen Dichtungen drang ein dünner Film der grünen, zähen Flüssigkeit. Noch bevor seine Hand nach dem letzten Hebel tastete, hatte der AEther schon den Boden bedeckt. Einzelne Wellen schlugen gegen seine Schuhe, bäumten sich auf und schlugen darüber. Seine ihm fremde Hand fand den letzten Verschluss. Klack. Mit seinem ganzen Gewicht stemmte sich Gregory gegen den Zylinder. Aber er war zu massiv.

Die verschiedenen Ströme des AEthers verschwammen, wurden zu einer Masse, die träge hin und her schwappte. Sie schaukelte sich hoch; Gregory spürte, wie das Glas mitschwang. Eine Welle mitnehmend, warf er sich noch einmal mit voller Kraft gegen den Tank, der daraufhin endlich nach hinten kippte. Der AEther strömte befreit aus und verteilte sich auf dem Boden. Knietief stand Gregory, mit einem abwesenden Lächeln im Gesicht, in der Flüssigkeit.

An der Oberfläche bildete sich ein dünner Nebel. Gregory ging in die Hocke, bewunderte die Reinheit und Lebendigkeit des AEthers und griff mit beiden Händen hinein. Der AEther kam ihm entgegen und umhüllte seine Hände. Er sank auf die Knie, der Pegel reichte ihm fast bis zur Brust. Es war weder warm, noch kalt. Langsam ließ er sich nach hinten sinken, streckte alle Gliedmaßen aus und trieb an der Oberfläche. Der AEther schwappte in kleinen Wellen gegen seinen Körper.

Gregory spürte keine Angst mehr. Er schloss, zufrieden mit sich, der Welt und dem Universum, die Augen. Er spürte keine Angst mehr. Der Klang der Sirene erreichte ihn nicht mehr. Grüne Lichtblitze zuckten über seine geschlossenen Lider, während er das Gefühl genoss, langsam in ein weiches Kissen zu sinken. Tiefer. Immer tiefer.

 

—– ——-

 

Erwachen

Noch bevor er etwas sah oder hörte, spürte er, wie seine Hand gehalten wurde. Dann hörte er jemanden leise atmen. Er öffnete die Augen.

„Gregory!”

Die sich überschlagende Stimme gehörte zu seiner Mutter, ebenso wie die Hand, die nun die seine einen Deut zu kräftig drückte. Mit der anderen Hand strich sie über sein Gesicht.

„Engel, du bist wach. Gott sei Dank. Du bist wach.”

Sie ließ ihn kurz los.

„Watford! Gregory ist wach!”

Der Ruf war so laut, dass er im ganzen Haus zu hören sein musste. Gregory drehte den Kopf. Es verstrichen lange Sekunden, bis er sich orientiert hatte. Er lag in seinem Zimmer, in seinem Bett. Seine Mutter lächelte und weinte gleichzeitig. Er versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Aber seine letzte Erinnerung war das Geräusch der Werftsirene. Hatte er einen Unfall gehabt? War er verletzt? Was war passiert? Er entzog seiner Mutter die Hand und setzte sich auf. Beide Hände … anwesend. Er bewegte die Beine … alles in Ordnung. Schlimm verletzt konnte er also nicht sein. Warum weinte seine Mutter? Er hörte, wie sein Vater die Treppe hinaufeilte.

„Mum?”

„Streng dich nicht an, Gregory Engelchen. Mach langsam”, beruhigte sie ihn.

„Was ist passiert? Wie komme ich hierher?”

Er suchte den Blick seiner Mutter, doch diese wich ihm aus. In diesem Augenblick kam sein Vater ins Zimmer, schob Evanna sachte zur Seite und setzte sich zu Gregory aufs Bett. Sein Gesichtsausdruck war ein Wechselspiel der Gefühle.

Gregory sah Erleichterung und auch Wut in seinen Augen, konnte sich aber weder das eine, noch das andere erklären Fieberhaft versuchte er sich zu erinnern. Wieso lag er in seinem Bett? Warum sah seine Mutter so besorgt aus, und was hatte er bloß angestellt, um einen solchen Blick seines Vaters zu ernten? Ganz vage stiegen verschwommene Bilder in ihm auf: Mr Hunter, die Werft, das Schiff, der Antrieb … nach und nach fügten sich diese Bilder zu einer Erinnerung zusammen. Plötzlich ergab der wütende Blick seines Vaters einen Sinn. Mit den Bildern kam auch die Erinnerung daran zurück, dass ihm dieser Ausflug verboten gewesen war. Nun war anscheinend alles aufgeflogen. Er ließ sich aufs Kissen zurücksacken. Darauf gefasst, gleich eine gepflegte Standpauke zu bekommen, fragte er erneut: „Dad, was ist passiert?”

Sein Vater räusperte sich.

„Du warst auf der Werft, erinnerst du dich?”

Gregory nickte schwach.

„Ich hatte es verboten, weißt du das auch noch?” Unterschwellige Wut schwang mit, sodass es nicht wie eine Frage, sondern wie ein Vorwurf klang. Gregory nickte wieder.

„Es gab einen AEtheralarm. Als Hunter und Kendrick dich suchten, konnten sie dich nicht finden. Sie haben die Arbeiter trotz Evakuierung zurückgerufen und alle haben das Schiff nach dir abgesucht. Stundenlang. Jeden Winkel haben sie durchforstet. Dann haben sie mich holen lassen. Kendrick fand dich erst, als es bereits dämmerte. Kannst du dir vorstellen, wo?”

Gregory hatte keine Ahnung. Oder? Er strengte sich an. Der Alarm. Dann war er hin und her gelaufen. Dann … die Druckschleuse! Es fiel ihm wieder ein. Auch, wie er den AEthertank geöffnet hatte. Warum hatte er das eigentlich getan? Wie gefährlich war der AEther wirklich? Seine Gedanken rasten kreuz und quer.

„Sie mussten erst Schutzanzüge holen, um dich daraus zu befreien. Anscheinend war einer der Tanks defekt und hatte sich geöffnet.”

Im Blick seines Vaters lag eine Frage. Dass sich die vier Sicherungshebel des Tanks nicht von selbst geöffnet hatten, lag auf der Hand. Doch Gregory wollte diese ungestellte Frage lieber nicht beantworten. Er hatte keine Antwort, keine Erklärung für das, was er getan hatte. Sein Vater grunzte unzufrieden, hakte aber nicht nach.

„Das war vor drei Tagen. Du hast die ganze Zeit geschlafen. Wir hatten schon Angst, du wachst nicht mehr auf.”

Gregory schaute ihn aus großen Augen an. Er hatte drei Tage geschlafen? Seine Mutter schluchzte laut auf, drängte sich dazwischen und nahm Gregory in den Arm.

„Aber nun ist er wach. Es war ein Unfall. Aber ihm ist nichts passiert. Er muss sich nur etwas erholen.”

Sie sah warnend zu Watford, der resignierend nickte.

„Gut, komm erst mal zu Kräften, mein Junge. Wir können ein anderes Mal reden.” Watford verließ das Zimmer.

„Du musst hungrig sein und durstig. Was möchtest du?” Jetzt, wo seine Mutter es erwähnte – ja, sein Bauch fühlte sich leer an und sein Mund war trocken.

„Orangensaft wäre toll. Und ein paar Sandwiches vielleicht.”

„Ich sage Harry Bescheid. Wir wollen doch, dass du schnell wieder auf die Beine kommst. Dein Vater ist übrigens sehr wütend. Vielleicht solltest du dir Zeit lassen und ihm etwas aus dem Weg gehen. Er wird sich schon wieder beruhigen. Dir ist ja, Gott sei es gedankt, nichts passiert.”

Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und ließ ihn dann alleine.

Natürlich war sein Vater wütend. Gregory hatte sich über ein Verbot hinweggesetzt und einen Unfall gehabt. Mehr als das. Ohne es auszusprechen, wussten er und sein Vater, dass es nicht nur ein Unfall gewesen war. Irgendwann würde Gregory das erklären müssen, was er sich selbst nicht erklären konnte. Ihm wurde jetzt schon flau bei dem Gedanken, zugeben zu müssen, dass er etwas so unglaublich Dummes getan hatte.

Zwei Stunden später fühlte er sich wesentlich besser. Er hatte fünf Sandwiches verdrückt und mit einem halben Liter Orangensaft runtergespült, und dabei viel Zeit zum Nachdenken gehabt.

Die Geschichten von Wolfsmenschen und anderen gruseligen Gestalten spukten durch seinen Kopf. Wieso hatten alle so eine Angst vor dem grünen Zeug? Ihm jedenfalls hatte es nichts getan. War er vielleicht immun?

Schritte auf der Treppe holten ihn aus seinen Gedanken. Leichte, schnelle Schritte und schwere, stampfende nebenher. Die Tür ging auf und seine Mutter kam mit Doktor Abbot herein.

Gregory kannte den Doktor. In weitem Umkreis war er der einzige Arzt und somit zuständig für jedes Alter oder Gebrechen.

„So, junger Mann, freut mich, dich wach und wohlauf zu sehen. Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Schauen wir doch mal, wie es dir geht.”

Bis auf seine Sorgen, ging es Gregory hervorragend. Fand er selbst jedenfalls. Dr. Abbot stellte seine Tasche auf dem Tisch ab und kam, dann mit Holzspatel und Stethoskop bewaffnet, an sein Bett.

„Na, du kennst das doch. Einmal ‚AAAAˊ bitte.”

Er fuchtelte mit dem Holzspatel vor seinem Gesicht herum und Gregory musste schon bei der bloßen Vorstellung würgen. Aber trotzdem öffnete er brav weit seinen Mund und streckte die Zunge heraus; in der Hoffnung, den Holzstab diesmal nicht ans Zäpfchen gerammt zu bekommen. Pech. Wie immer stieß der Arzt an und Gregory würgte reflexartig.

„Schon gut, das war‘s doch schon. Setz dich mal auf und mach dich frei. Ich höre dich noch ab.”

Gregory setzte sich hin und zog sein Hemd aus. Dabei fiel ihm auf, dass die Ärmel einige Zentimeter zu kurz waren. Warum hatte seine Mutter ihm denn ein so altes Hemd angezogen? Mit gerunzelter Stirn ließ er sich von dem Doktor abhören. Dieser klopfte mal hier und mal da und steckte dann das Stethoskop weg.

„Tja, soweit ich sagen kann, ist der Junge kerngesund. Sein Herz ist so kräftig wie das eines Jungbullen. Gregory ist von hervorragender Konstitution.”

„Danke, Doktor.” Seine Mutter redete noch auf den Mann ein, während sie das Zimmer verließen.

Gregory schubste das Hemd zu Boden, stand auf und suchte im Kleiderschrank nach seinem Lieblingshemd. Vorsichtig, ohne alles durcheinander zu bringen, zog er das dunkelblaue dicke Leinenhemd heraus und schlüpfte hinein. Er stutzte. Hatte er ein Falsches erwischt? Auch hier waren die Ärmel etwas zu kurz. Wahllos griff er ein weiteres heraus. Das gleiche Bild: zu kurz. Hastig und mit einem Anflug von Panik probierte er alle Hemden durch, die eins nach dem anderen auf einem Haufen am Boden landeten. Im Allerletzten, das übrig geblieben war, stellte er sich schließlich vor den Spiegel. Auf den ersten Blick sah er aus wie immer. Doch er war tatsächlich gewachsen. Nach und nach fielen ihm noch mehr Veränderungen auf. Nur Kleinigkeiten, die niemand weiter bemerken würde. Außer ihm. In einem Alter, in dem man mehr Zeit als früher vor dem Spiegel verbrachte, sprangen einem auch die kleinsten Änderungen ins Auge.

Augen … das war das Erste. Seine Augenbrauen waren etwas fülliger. Dichter. Es könnte am Licht liegen, aber seine Iris war nicht so kristallblau wie gewohnt. Erfreulich war der Blick nach unten. Der unverhoffte Wachstumsschub hatte seinen verbliebenen Babyspeck wegschmelzen lassen. Vor ihm im Spiegel stand nun ein schlanker junger Mann. Er sah mindestens ein oder zwei Jahre älter aus. Konnte man in wenigen Tagen so immens wachsen? Besonders das Wachstum seiner Augenbrauen bereitete ihm Sorgen. Seine Ängste meldeten sich vehement zurück. Wenn ihm nun doch etwas geschehen war? Würde er sich vielleicht doch in einen Wolf verwandeln? Würde langsam aber sicher sein ganzes Gesicht mit Haaren zuwachsen?

 

Wer nun wissen will, in wen oder was Gregory sich verwandelt udn welche Konsequenzen das für sein Leben hat, möge das Buch lesen!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*